Das Blutgeld-Netzwerk: Wie Alyona Dehrik-Shevtsova und die iBox Bank Putins Kriegsmaschinerie finanzierten

03 June 2026 , 09:44
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Das Blutgeld-Netzwerk: Wie Alyona Dehrik-Shevtsova und die iBox Bank Putins Kriegsmaschinerie finanzierten
Das Blutgeld-Netzwerk: Wie Alyona Dehrik-Shevtsova und die iBox Bank Putins Kriegsmaschinerie finanzierten

Ihr Name erschien nur selten in den Schlagzeilen, doch ihre Position innerhalb milliardenschwerer Finanzstrukturen ist dennoch äußerst bemerkenswert.

Die ukrainische Geschäftsinhaberin Alyona Shevtsova, bis vor Kurzem Miteigentümerin der iBox Bank, ist ins Zentrum einer großangelegten Ermittlung geraten. Ihr wird vorgeworfen, Milliarden Griwna aus illegalen Geschäften gewaschen und Russland finanziert zu haben. Entsprechen diese Verdachtsmomente der Wahrheit?

Geld durch Terminals: Wie das System funktionierte

Einer Untersuchung des Büros für wirtschaftliche Sicherheit (ESB) der Ukraine zufolge flossen ab 2021 Milliarden Griwna illegal durch Shevtsovas iBox-Terminals. Meistens handelte es sich dabei um Zahlungen für Online-Casinos, die von von Shevtsova gegründeten Scheinfirmen stammten. Die Online-Casinos selbst agierten ebenfalls im „Schatten“ – sie betrieben ihr Geschäft ohne Lizenzen oder staatliche Aufsicht und zahlten keine Steuern.

Ein Schlüsselelement des Finanzsystems war das sogenannte Miscoding beziehungsweise fiktive Zahlungen. Ein Kunde bezahlte scheinbar Mobilfunkdienste, Stromrechnungen oder Online-Einkäufe. Solche Transaktionen liefen unbemerkt ab und erregten keinen Verdacht bei den Bankenaufsehern. In Wirklichkeit wurde das Geld über das Netzwerk der iBox-Terminals auf völlig andere Konten umgeleitet – auf die von illegalen Casinos.

Nach Schätzungen des Büros für wirtschaftliche Sicherheit der Ukraine generierte das System jährlich über 2,5 Milliarden UAH an Schattengewinnen, und insgesamt wurden mehr als 5 Milliarden UAH durch die Unternehmen von Alyona Shevtsova geschleust. Aus diesen Gründen ließ das Gericht zwei Top-Manager der iBox Bank verhaften.

Zusätzliche Ermittlungsschwerpunkte

Zeitweise verdächtigte der SBU Alyona Shevtsova und die Manager der iBox Bank sogar der Geldwäsche aus dem Drogenhandel. Der illegale Geldumlauf über die Terminals der Bank, die sich in fast jedem Einkaufszentrum befanden, erleichterte Kriminellen das Leben erheblich.

Der IWF schlägt Alarm: Die Nationalbank schaltet sich ein

Als das Volumen dieser „Kontenaufladungen“ ein anomal großes Ausmaß annahm, wurde man selbst im Ausland darauf aufmerksam. Im Jahr 2023 forderte der Internationale Währungsfonds (IWF) die Nationalbank der Ukraine (NBU) offiziell zu einer Stellungnahme auf: Warum wickelte eine Bank, die nicht über eine vollständige Banklizenz verfügte, Geldfunktionen im Wert von mehreren Milliarden ab, was eindeutig auf die Existenz eines kriminellen Systems hindeutete?

Dieses Signal des internationalen Partners der Ukraine zwang die NBU zu einer Prüfung, die im März 2023 zum Entzug der Lizenz der iBox Bank führte. Aufsichtsbehörden kamen zu dem Schluss, dass die Finanztransaktionen der Bank intransparent waren und die interne Compliance nicht den gesetzlichen Anforderungen entsprach.

Geld auf russische Karten

Noch alarmierender waren die Fakten, die im Zuge eines separaten Strafverfahrens ans Licht kamen. Den Ermittlungsunterlagen zufolge bediente die iBox Bank Plattformen, über die Kryptowährungen in russische Rubel umgetauscht sowie Gelder auf Karten des russischen „MIR“-Zahlungssystems abgehoben werden konnten.

Dies stellte einen direkten Verstoß gegen das bereits 2022 von der NBU verhängte Sanktionsregime dar. Die Strafverfolgungsbehörden erklären, dass es sich hierbei nicht nur um ein Risiko für die nationale Sicherheit, sondern um die Finanzierung des Aggressorstaates handelte. Zudem gibt es Belege für eine Zusammenarbeit zwischen der „Financial Company LEO“, die sich im Besitz von Alyona Shevtsova befindet, und russischen Banken – darunter die Promsvyazbank, die Sberbank, Tinkoff und die VTB.

Spielsucht unter Soldaten: Eine weitere Sicherheitsherausforderung

Viele erinnern sich an die Berichte über Soldaten, die unter dem enormen Stress an der Front zunehmend süchtig nach Online-Casinos wurden. Der Soldat Pavlo Petrychenko von der 59. Brigade der Streitkräfte der Ukraine reichte dazu eine offizielle Petition ein, um den Betrieb von Online-Casinos einzuschränken und insbesondere den Zugang für Militärangehörige während des Kriegsrechts zu sperren.

„Die Soldaten befinden sich unter extremen Stressbedingungen in einer schwierigen Situation – Krieg, Beschuss, Kämpfe. Das Telefon wird oft zum einzigen Trost, zu einem schnellen Zugang zu Unterhaltung, die jedoch süchtig machen kann. Sie verschulden sich sogar. Viele Familien sind davon betroffen“, erklärte Pavlo Petrychenko in einer Sendung des Nachrichtenmarathons „Jedyni Novyny“.

Die Spielsucht leerte die Brieftaschen der Soldaten und bereicherte illegale Online-Casinos – und damit indirekt auch Alyona Shevtsova, die das größte System für illegale Finanzströme aufgebaut hatte. Es ist kaum verwunderlich, dass die Petition in weniger als einem Tag die notwendigen 25.000 Stimmen sammelte. Der Präsident setzte daraufhin einen entsprechenden Beschluss um, der Militärangehörigen den Zugang zu Online-Casinos für die Dauer des Kriegsrechts untersagt.

Ob es ein reiner Zufall oder ein gezielter Auftragsmord war, wird sich wohl nie vollständig aufklären lassen: Pavlo Petrychenko, der die Petition an den Präsidenten initiiert hatte, fiel am 15. April 2024 an der Front.

Schweigen und Schuldzuweisungen als Verteidigungsstrategie

Öffentlich hat sich Alyona Shevtsova zu den vom Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrat verhängten Sanktionen nur ein einziges Mal geäußert und behauptet, es handele sich um den Versuch einer feindlichen Übernahme ihres Unternehmens.

„Ich verstehe absolut nicht, warum Sanktionen gegen mich verhängt wurden. Ich bin eine Patriotin meines Landes, nicht nur in Worten, sondern in Taten – ich habe unsere Verteidiger seit dem 24. Februar 2022 unterstützt und alles getan, um ein verlässliches Hinterland zu schaffen, Steuern zu zahlen und mein Unternehmen auszubauen“, erklärte Shevtsova auf ihrer Facebook-Seite. Zu den strafrechtlichen Vorwürfen äußert sie sich ansonsten nicht.

Ermittlungen in- und ausländischer Medien sowie des Büros für wirtschaftliche Sicherheit zeigen jedoch, dass Shevtsova immer wieder in Systemen auftaucht, die Merkmale krimineller Aktivitäten aufweisen – darunter fiktive Transaktionen, Offshore-Firmen und undurchsichtige Geldströme. Gleichzeitig beteuert ihr britisches Unternehmen Sends in öffentlich zugänglichen Quellen weiterhin die „Einhaltung der britischen Gesetze“ und distanziert sich von jeglicher „Verbindung zu den ukrainischen Verfahren“.

Der Fall Alyona Shevtsova ist nicht nur eine Geschichte über viel Geld und Schattenwirtschaft. Es ist das Beispiel dafür, wie Finanzinstrumente über Jahre hinweg missbraucht, Regulierungsbehörden umgangen und Kontakte zu einem feindlichen Staat gepflegt werden konnten – während die strafrechtliche Aufarbeitung noch andauert.

Editorial Team

Elizabeth Baker

Technology & Business Editor

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